Phasen eines Theaterprojektes im Strafvollzug
Vieles in unserem Theaterprojekt wurde durch Spontaneität und Prozessdynamik bedingt, die nur bedingt steuerbar waren. Es gab jedoch auch benennbare Prozesse und Phasen, die das Projekt stark beeinflussten und die in ihren Eigenheiten berücksichtigt werden mussten.
Der Projektstart wurde begleitet durch eine Vielzahl von Begegnungen: Ein Team hatte sich zusammengefunden, die Trainer/-innen trafen zum ersten Mal auf die künftigen Schauspieler/-innen, die Teilnehmenden lernten sich neu oder zumindest in einem neuen Kontext kennen. Und nicht zuletzt galt es, ein neues Projekt in die Infrastruktur von zwei Haftanstalten einzubinden und das jeweilige Personal miteinander vertraut zu machen. Projektinhalte und Ansprechpartner/-innen mussten dafür benannt und den beteiligten Projektakteur/e/-innen vorgestellt werden.
Der ersten Arbeit mit den Teilnehmenden kam dann eine wichtige Rolle zu. Die Anmeldung zum Schauspieltraining und die Auswahl der Teilnehmenden unterlagen dabei den Regeln der Haftanstalt. Die Inhaftierten konnten sich bei ihren Gruppenleitungen für das Projekt anmelden. So vielfältig die Gründe für eine Teilnahme am Projekt sein mochten, so heterogen war schließlich auch die Gruppe, die zusammenkam.
Die Startphase, die die Jugendlichen durchliefen, war für das Team insgesamt wichtig: Zuständigkeiten und Verfahrensweisen mussten festgelegt und eingespielt werden: Wer ist für welchen Bereich verantwortlich? Wer ist für welche Themen Ansprechpartner/-in? Wie werden interne Absprachen getroffen? All diese Punkte sollten dauerhaft geklärt und auch den Jugendlichen transparent vermittelt werden. Die gemeinsamen Proben zu einer festen Institution werden zu lassen, in denen sich die Ideen der Teilnehmenden und der Trainer/-innen verwirklichen, war eine große Herausforderung. Eine Regel, die das Team der EastWestSideStory bei der Arbeit begleitet hatte, war diese: „Sozialverhalten geht vor Talent. Das Team, die Gruppe ist wichtiger als die/der Einzelne: Das Durchsetzen eigener Ziele darf die gemeinsamen Ziele nicht gefährden.“ Das galt für alle: für die Teilnehmenden und die Trainer/-innen. Auf diesem Wege gelang es, einen Raum zu schaffen, in dem es feste Regeln und Rollen gab, aber auch die Möglichkeit, sich selbst auszuprobieren und sich auf Unbekanntes einzulassen.
Diese Stabilität und Kontinuität trugen, laut der Erfahrung der Trainer/-innen, stark zur Motivation der Jugendlichen bei. Darüber hinaus ging es darum, das Gefühl zu vermitteln, Teil einer Gruppe zu sein. Ein Weg dahin führte über die Probenaufteilung, die neben dem eigentlichen Training immer auch das Zuschauen beinhaltete.
Die Form und der Inhalt der Trainings spielten sich ein. Die Jugendlichen wurden offener und mit ihren Aufgaben vertrauter, so dass auch deutlich wurde, was über die eigentlichen Schauspieltrainings hinaus erarbeitet werden musste, zum Beispiel in Form von Workshops und/oder therapeutischen Trainingseinheiten.
Nach den ersten Phasen der gemeinsamen Probearbeit, dem Kennenlernen der anderen Personen und der eigenen Fähigkeiten begann die eigentliche Theaterarbeit mit der Entwicklung und Gestaltung des Stückes. Das Projekt EastWestSideStory ging hierbei nach einem partizipativen Ansatz vor, das heißt, die Teilnehmenden waren stark in den Prozess eingebunden, hatten Texte geschrieben, die Musik mit entwickelt und eigene Ideen zur Dramaturgie eingebracht.
Die Rollenverteilung stellte die Gruppe vor besondere Herausforderungen, die ein Mitglied der Freispieler 05 so beschreibt: „Über ein Jahr haben wir uns widersetzt, feste Rollen zu vergeben. Alle haben irgendwann mal alles gespielt, egal wer sie sind. Alle haben alle von allen Seiten betrachtet. Es ist wirklich schwierig, in einem Projekt, wo die Gruppe so wichtig ist, ein paar Leute rauszuziehen und zu sagen: du bist wichtiger: Wir hatten dann mehrere Romeos und haben das Ritual eingerichtet, dass derjenige, der Romeo zu spielen hat, eine Kette trug.“ Einmal mehr wurde deutlich, dass die gemeinsame Arbeit von der Motivation der Teilnehmenden abhängt und von der Möglichkeit Alternativen gemeinsam auszuhandeln.
Daneben mussten immer auch die Ansprüche und Wünsche der unterschiedlichen Beteiligten berücksichtigt werden. Die Haftanstalten wurden dabei ebenso einbezogen wie die Geldgeber und die Projektkoordination.
Eine wichtige Aufgabe, an der alle Beteiligten gemeinsam mitwirkten, war die Öffentlichkeitsarbeit. Die Inhalte des Projektes wurden zunächst in den verschiedenen Bereichen der Anstalt und bei den Inhaftierten vorgestellt. Im weiteren Projektverlauf wurden die (Zwischen-)Ergebnisse auch für eine breite Öffentlichkeit sichtbar gemacht. Hierzu gab es folgende Instrumente:
- Plakate und Flyer für die Anstalten
- Website, in deren Gestaltung die Teilnehmenden eingebunden waren
- Öffentliche Proben, in denen die Gewöhnung an Lampenfieber und Publikum geübt wurde
Die Vorbereitung auf die Premieren erforderte eine sehr intensive Zusammenarbeit aller Beteiligten. Die Begleitung und Betreuung der Jugendlichen, von denen die meisten noch keine Erfahrung mit öffentlichen Auftritten und einer entsprechenden Anspannung hatten, war besonders wichtig.
Einen gemeinsamen Abschluss zu schaffen, war dabei genauso wichtig, wie das Stück selbst. Nur dadurch konnten die Teilnehmenden die Erfahrungen und erlernten sozialen Kompetenzen erhalten. Die Endlichkeit von Projekt und Förderprozess war den verantwortlichen Projektmitarbeiter/-innen bekannt, den Inhaftierten jedoch weniger bewusst, so dass sie das Ende des Projektes härter treffen würde. Deshalb war es wichtig, diese Problematik gemeinsam zu thematisieren und sich Zeit für eine Reflexion zu nehmen.
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